[ Der Tagesablauf ]

 

Ein typischer Schulungstag beim ACL

Sonntag morgen, 8:00. Der Wecker klingelt. Der erste Gedanke: „Warum in Gottes Namen hab ich das Ding denn angeschaltet?“ Dann die Erleuchtung. Stimmt ja, fliegen gehen! Also raus aus den Federn, der erste Blick aus dem Fenster verspricht einen sonnigen Tag. Aber um sicher zu gehen erst noch mal schnell Online gehen und den >Segelflugwetterbericht< anschauen. Na wunderbar – Thermik: gute Wolkenthermik.

Also flugs für den Tag fertig machen, frühstücken, den Rucksack packen, Flugbuch und >Ausbildungsnachweis< nicht vergessen, und ab zum Flugplatz. Gut gelaunt schlage ich um viertel nach neun auf und werde dort schon von der ersten putzmunteren Flugschülerin mit einem strahlenden „Moooooorgen!“ empfangen. Also mal wieder nicht der erste. Kurz darauf taucht auch der Kantinendienst mit dem Schlüssel auf. Na dann kann's ja losgehen. Zuerst mal das obligatorische Aufschließen aller Hallen und des Turms, die Tasse Guten-Morgen-Kaffee. Inzwischen sind noch zwei Flugschüler eingetroffen, das Ausräumen kann beginnen. Plaudernd schlendern wir zur kleinen Halle, die Tore aufgeschoben und erst mal einen prüfenden Blick auf das kompliziert ineinander verkeilte Fluggerät. Jedes mal aufs neue faszinierend, wie die ganzen Flugzeuge in die Halle passen.

Jetzt beginnt die Vorbereitung für einen langen Flugtag. >Traktor< und >Lepo< aus der Halle fahren, und dann zuerst mal die Husky (das Schleppflugzeug) raus schieben. Dann die Frage in die Runde: „Was wird heute geflogen?“ Nach kurzem Nachdenken, wer sich für heute alles angesagt hatte, entscheiden wir uns, komplett auszuräumen, schließlich sieht es nach Streckenflugwetter aus. Die vier Flugschüler verteilen sich um den >Astir<, und mit dem Kommando „Okay, flächenwärts und raus“ wird der erste Flieger nach draußen befördert. Schnell danach folgen die >ASK-21<, >der Janus<, die >ASW-28<, die >LS-4<, die >ASW-24< und zuletzt die >Ka 6e<, unser Schatzi. Zwischenzeitlich sind noch zwei Flugschüler eingetroffen, die auch schon vom Tower Bordbücher, Batterien und Fallschirme mitgebracht haben.

Zwei Teams machen sich an das Checken der Flugzeuge. Dabei wird aufs genauste kontrolliert, ob sich der Flieger auch in einem flugtauglichen Zustand befindet, ob alle Ruder funktionieren, Ob vom letzten Flugtag noch Gras im Cockpit liegt oder ob die Reifen des Fahrwerks noch genügend Luft haben. Erst nach erfolgreichem Check und Kontrolle durch den diensthabenden Fluglehrer darf der Flieger in den Schulungsbetrieb gehen.

Während die Flieger gecheckt werden, mache ich mich mit einem anderen Flugschüler daran, die Winde auf den Tag vorzubereiten. Also den großen >Winden-LKW< aus der Halle fahren, und erst mal überprüfen, ob noch genug Diesel im Tank ist – natürlich nicht! Aber ein hilfsbereiter Mensch ist auch schnell gefunden, der mit den großen Kanistern zur Tankstelle fährt und Nachschub besorgt. Da der Wind heute aus Westen weht, wird „normaler“ Startbetrieb aufgebaut, also die Winde an das entfernte Ende vom Platz. Zu zweit wird die Absperrung aufgebaut, das Telefon angeschlossen, die Winde durchgecheckt und dann gleich das erste Paar >Seile mitgenommen<. Am Start angekommen, sind die Flieger schon fertig gemacht, und unsere Fluglehrer begrüßen uns mit einem „Guten Morgen, alles klar? Dann mal kurzes Briefing für den Tag“. Jetzt wird ausgemacht, wer an diesem Tag was vor hat. Ein Flugschüler steht kurz vor dem ersten Alleinflug, also wird er heute wohl etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen. Zwei wollen mit der Ka 6e für das bevorstehende Jugendvergleichsfliegen trainieren, ein Flugschüler möchte auf den Astir umschulen, und der Rest möchte einfach nur „oben bleiben“. Im Hintergrund sehe ich, wie der Flugleiter das Lande-T auslegt, und einige Piloten ihre Flieger aufbauen und sich auf einen schönen Streckenflugtag vorbereiten. Unser Windenfahrer hat sich auch schon zu uns gesellt und so kann der Flugbetrieb starten. Der erste macht sich fertig, Fallschirm aufschnallen und ab in den Flieger. Einer bleibt am Start, um die Schleppseile einzuklinken und beim Start zu assistieren. Währenddessen fahre ich mit dem Lepo den Windenfahrer zur Winde und warte auf die ersten Schlepps, um gleich wieder die Seile ausziehen zu können.

Das Windentelefon klingelt, der Windenmotor brummt auf. „Eine ASK-21, doppelsitzig am Kinzigseil startklar – Winde klar“ kommt die Ansage des Windenfahrers. „Seil anziehen – Straff – Fertig – Frei...“ ich stehe hinter ihm und sehe wie die >ASK21 in den strahlenden Morgenhimmel aufsteigt<. Kurz darauf startet der Astir, und ich setze mich in den Lepo, um die Windenseile wieder an den Start zu ziehen. Vor dem Losfahren noch ein prüfender Blick in die Platzrunde, ob nicht einer der Flieger schon wieder zum Landen ansetzt, aber beide scheinen schon die erste Morgenthermik zu suchen und sind noch in der Luft. Wieder am Start wartet schon die ASW-28 auf mich – oder besser auf das Seil. Also beide Seile ausgehängt, das zweite Seil im Boden verhakt und kurz darauf sehe ich, wie die Fläche der 28 hochgehalten wird, und der hoch ausgestreckte Arm „klar“ signalisiert. Das Seil strafft sich, der Flugschüler an der Fläche streckt den >Arm in die Waagerechte<, der Flieger beschleunigt und >steigt sanft in den Himmel<.

Da der Start nun frei ist, frage ich den zweiten Fluglehrer, ob ich mich mit der LS-4 an den Start stellen darf. Ich bekomme mein „okay“, ein anderer Flugschüler meldet sich „Ich fahre Lepo“ und zwei andere helfen mir, die 04 an den Start zu schieben. Gecheckt ist sie auch schon, wie ich erfahre, also kann ich mir den Fallschirm aufschnallen und mich startklar machen. Die Flugschülerin, die mich morgens schon so freudig begrüßt hat, schaut mir etwas neidisch beim Einsteigen zu. „Ich will die auch endlich fliegen...“ „Dauert auch nicht mehr lang, hast doch schon ein paar Stunden auf dem Astir hinter dir, oder?“ Ein Nicken und Lächeln reicht mir als Antwort. Ich schnalle mich an, melde mich beim Turm: „Langenselbold Info, nächster Pilot in der D-5104 ist Mohn“ und beginne mit dem Startcheck, als ich im Funk höre, wie sich die ASK-21 an der Position zur Landung meldet. Also habe ich noch ein bisschen Zeit, vorher Starten klappt nicht mehr. Die ASK landet und der Rest der Truppe trabt hinterher, um das Flugzeug zum Start zurück zu schieben. Schnell wird mir wieder bewusst, wie viele helfende Hände doch notwendig sind, um den Schulungsbetrieb aufrecht zu erhalten.

Die ASK ist aus der Bahn geschoben, ich schließe die Haube und mache meinen Startcheck: „Fallschirm angelegt, fest und sicher angeschnallt, Haube verschlossen und verriegelt, Notabwurf bekannt, Höhenmesser auf null, Funk eingeschaltet und auf der richtigen Frequenz, alle Ruder frei und leichtgängig, Trimmung leicht kopflastig, Wind schwach von vorne, Schleppstrecke und Ausklinkraum frei, aus Seilriss gefasst. Fertig zum Einklinken!“ Von draußen kommt das Kommando „AUS“ und ich ziehe den Hebel für die Schleppkupplung. Ein kurzes metallisches Klappern, der Ruf „EIN“ und ich lasse den Hebel wieder los. „Sollbruchstelle ist geprüft“ bekomme ich noch mitgeteilt und zeige mit dem Zeichen „Daumen hoch“, dass ich startklar bin. Die Fläche wird angehoben und ich melde über Funk „Die D-5104 am Dorfseil abflugbereit.“ Am anderen Ende des Flugplatzes sehe ich das Blinklicht der Winde, das Seil bewegt sich und kurz darauf drückt mich die Beschleunigung in den Sitz, ich lasse den Steuerknüppel leicht nach und das Flugzeug beginnt in einem sanften Bogen in den Himmel zu steigen. Nach weniger als 30 Sekunden spüre ich das Nachlassen der Schleppgeschwindigkeit. Ich gehe in den Geradeausflug, das Seil springt mir einem Klicken aus der Kupplung, zur Sicherheit noch drei mal den Ausklinkknopf ziehen und ich bin in meinem Element.

Doch leider hält die Freude nicht allzu lange, den auch mich ereilt das gleiche Schicksal, das vorher schon die ASK-21 und kurz darauf den Astir getroffen hatte. Ohne Thermik müssen wir alle wieder runter. Also in den Gegenanflug, Landecheck: „Gurte und Fallschirm fest, Fahrwerk.... Ach, stimmt ja!“ Fahrwerk raus und beim Turm melden: „Langenselbold Info, D-5104 an der Position 25.“ Anflug frei, Bahn frei, Landeeinteilung, auf Höhe und Fahrt achten, sanft einkurven, im Endanflug die Bremsklappen ziehen, in Turmkanzelhöhe über den Weg fliegen, Abfangen... Boing, zu schnell. Also eine „Dienstags-Landung“. Naja, schon schlimmeres erlebt. Ich klettere aus dem Flieger, lege meinen Fallschirm ab und schiebe mit den herbeigeeilten Helfern den Flieger zurück an den Start.

So ziehen sich die Stunden schnell hin, Flugzeuge zum Start schieben, Seile holen, einklinken, beim Start helfen, wieder Flieger zurückschieben... Die meiste Zeit verbringt ein Flugschüler nun mal damit, anderen in die Luft zu helfen. Aber nur so funktioniert das. Natürlich spricht nichts gegen ein kurzes Sonnenbad, wenn gerade mal nichts los ist. Meistens ertönt trotzdem kurz danach der Ruf „Flugzeug gelandet“ und es heißt wieder Schieben. Zwischendurch mache ich noch zwei Starts, aber scheinbar ist mir der Thermik-Gott heute nicht wohl gesonnen, und so bleibt es bei einem 20-minütigen rumrühren in einem 0,2-Meter-Bart, der mehr schlecht als recht verläuft. Ein neidischer Blick nach oben, wo einige 100 Meter über mir die Ka 6e kreist, und wieder fertigmachen zur Landung. Irgendwas mache ich heute wohl falsch.

Einigen von uns fällt auf, das unser Aspirant auf den ersten Alleinflug heute verdächtig oft startet. Und als dann noch der Fluglehrer zu mir kommt und mich bittet, auf der Winde bescheid zu sagen, dass der nächste Start eine Seilrissübung wird, können sich einige von uns das Grinsen nicht verkneifen. Also scheint es so weit zu sein. Und tatsächlich, eine Seilrissübung und einen Start mit einem anderen Fluglehrer später macht sich ein leicht nervöser Schüler alleine startklar. Die aufmunternden Kommentare wie „Na los, hau rein“ nimmt er in diesem Moment gar nicht richtig wahr, so groß ist die Nervosität. Aber dann läuft doch alles wie geplant ab. Sauberer Start, der Fluglehrer am Boden mit einem Funkgerät in der Hand beäugt alles ganz aufmerksam, ein paar Kurven im Gegenanflug, der Funkspruch „D-7109 Position 25“, ein sanfter Anflug und.... zu hoch. Also heißt es für uns: Laufen. 200 Meter weiter steigt ein Flugschüler aus der ASK aus, und schon von weitem kann man sein Grinsen sehen. Allseitiges Händeschütteln und Glückwünsche, aber auch schon gehässige Kommentare bezüglich der bevorstehenden Prozedur der Freifliegertaufe. Die beiden weiteren Alleinflüge sind jetzt schon mehr Formsache, und ein prüfender Blick auf die Uhr zeigt, das sich so langsam ein Flugtag dem Ende zuneigt. Aber ein Flieger fehlt doch noch. Wo ist der Astir? Eine Stimme aus dem Funk gibt mir die Antwort: „D-7446 rechter Gegenanflug 25.“ Moment, ist das nicht...? Ja, auch unser zweiter Kandidat hat es geschafft. Von den meisten völlig unbemerkt hat er die zweite Hürde in der Ausbildung genommen, den ersten Flug in einem Einsitzer. Auch hier kommen nach der Landung Glückwünsche und ein strahlendes Gesicht.

Langsam senkt sich die Sonne immer weiter Richtung Horizont, das letzte Seil wird abgeflogen, und wir machen uns an die abschließende Arbeit des Tages: Flugzeuge putzen. An einem Tag wie heute kleben massig Mücken an den Tragflächen, die wieder gründlich entfernt werden müssen. Schwamm und Leder und ein Eimer Wasser rücken den Flecken zu Leibe. Plötzlich trifft mich ein klatschnasses Etwas im Nacken und ein Flugschüler taucht neben mir vorbei. Ja, auch das gehört dazu. Spaß muss sein. Nachdem ich mich beim Werfer mit einem Eimer Wasser über den Kopf „bedankt“ habe, mach ich meinen Flieger fertig und ziehe die Schonbezüge über die Tragflächen. Dann folgt das gemeinsame Einräumen. Und wieder wundere ich mich, wie die Flieger komplizier verschachtelt alle in die Halle passen. Zum Schluss noch das Schleppflugzeug, Lepo und Traktor. Die Winde tuckert auch an und vorbei und wird nebenan in den Zwischenbau gefahren. Der Flugbetrieb ist beendet!

Auch die anderen Piloten verräumen ihr Fluggerät, und kurz darauf sind alle auf der Terrasse vor der Kantine versammelt. Das Ereignis des Alleinfluges hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Die Fluglehrer und der Ausbildungsleiter erwarten den frischgebackenen Alleinflieger, und die altbekannte Prozedur kann beginnen. Mit der Freibierglocke um den Hals macht sich der Flugschüler auf seinen >Lauf rund um die Landebahn<, um am eigenen Leib zu erfahren, wie groß das Flugfeld ist. Wieder am Startpunkt angekommen bekommt er einen >Eimer Wasser über den Hosenboden< gegossen und wird von seinem Fluglehrer >in den Schwitzkasten< genommen. Dann dürfen alle anwesenden ihm einen (mehr oder weniger) sanften >Klaps auf den Hintern< verpassen, um ihm auch das „richtige Gefühl für die Thermik“ zu vermitteln, die ein Segelflieger ja bekanntlich zuerst mit dem Sitzfleisch wahrnimmt. Zu guter Letzt gibt es noch einen großen >Straus Brennnesseln< in die Hand, um auch das Feingefühl für den Steuerknüppel zu erlangen, und die Freifliegerurkunde. Diese Strapazen nimmt man aber gerne in Kauf, schließlich gehört man ab nun ja zum Kreis der Flieger! Auch der dazugehörige Kasten >Freibier< lässt nicht lange auf sich warten, ein zweiter folgt von unserem Astir-Umschüler. Und so lassen wir in geselliger Runde den Tag ausklingen und freuen uns schon auf das nächste Wochenende bei strahlendem Sonnenschein und fliegbarer Thermik. Ja, das Fliegerleben ist schön!


[ © XII/05 by Dennis Mohn ]